Manfred Blohm war viele Jahre Professor für Bildende Kunst an der Europa-Universität Flensburg und ist Autor mehrerer Bücher. Heute leitet er bundesweit Workshops, in denen es darum geht, Kunst nicht nur zu betrachten, sondern sie als Erfahrungsraum zu begreifen.
Herle Forbrich: Sie haben sowohl als Lehrer an einer Gesamtschule als auch in der Wissenschaft gearbeitet. Wie sind Sie ursprünglich zur Kunst gekommen?
Manfred Blohm: Über meinen Kunstlehrer am Gymnasium in Wilhelmshaven. Er ging mit uns regelmäßig in die Kunsthalle, die vor allem zeitgenössische Kunst zeigte. Diese frühen Begegnungen haben meinen Blick geöffnet – besonders dafür, dass Kunst nicht immer „schön“ sein muss, um interessant zu sein.
HF: Das Seminar trägt den Titel „Das Alltägliche in der Kunst und Kunst im Alltag“. Was bedeutet das konkret?
MB: Seit gut hundert Jahren – spätestens mit dem Dadaismus – kann prinzipiell alles Kunst werden. Dinge aus dem Alltag können in einen künstlerischen Kontext treten und plötzlich ganz anders wahrgenommen werden. Mich interessiert die Frage: Was macht etwas zu Kunst? Und wie verändert sich unser Blick, wenn wir beginnen, genauer hinzuschauen? Manchmal sind Kunst und Alltag näher beieinander, als wir denken.
HF: Welche Rolle spielt Kreativität dabei?
MB: Kreativität ist nicht mit Kunst gleichzusetzen. In allen Lebensbereichen – auch im Alltag – ist Kreativität gefragt. Künstler sind nicht per se kreativere Menschen als andere. Auch in der Wissenschaft braucht es Kreativität, etwa beim Entwickeln neuer Fragestellungen. Im Seminar geht es darum, eigene Wahrnehmungen ernst zu nehmen und spielerisch zu erweitern.
HF: Wird im Seminar auch praktisch gearbeitet?
MB: Wir werden keine „großen Kunstwerke“ produzieren. Aber wir werden gestalterisch tätig sein – mit einfachen Materialien, Farben und Formen. Stoffreste, Papier, Verpackungsmaterial: Alltägliches kann Ausgangspunkt für ästhetische Experimente werden. Es geht darum auszuprobieren, wie Spannung, Harmonie oder Irritation entstehen – und wie wir darauf reagieren.
HF: Manche Menschen sagen von sich: „Ich bin nicht kreativ.“ Wie begegnen Sie dem?
MB: Sehr entspannt. Es geht nicht um Talent oder Bewertung. Es geht um Wahrnehmung und Erfahrung. Viele Teilnehmende berichten, dass sie neue Zugänge zu Kunst gefunden haben – und manchmal auch neue Perspektiven auf sich selbst. Wichtig ist mir, dass eine Atmosphäre entsteht, in der man sich wohlfühlt. Und dass auch gelacht werden darf – über Kunst, über sich selbst und gelegentlich auch über mich.
HF: Wird das Seminar kunsttherapeutisch ausgerichtet sein?
MB: Nein. Ich arbeite in diesem Rahmen nicht psychotherapeutisch. Es geht um ästhetische Erfahrung, Austausch und gemeinsames Denken und Gestalten. Kunst kann berühren – aber sie darf auch irritieren, provozieren oder einfach Freude machen.
Das Seminar verbindet Kunstbetrachtung, Gespräch und eigene praktische Versuche. Es richtet sich an Menschen, die neugierig sind, genauer hinzuschauen – unabhängig von Vorkenntnissen oder künstlerischer Erfahrung.
Vielen Dank für das Gespräch!