Nordsee Akademie: Die Verbindung von mehrstimmigem Chorgesang und plattdeutscher Sprache begegnet man nicht oft. Wie ist diese Idee bei dir entstanden – und was hat dich daran besonders gereizt?
Anne-Beke Sontag: Als Jugendliche habe ich in dem Schulchor, in dem ich gesungen habe und mit dem wir tatsächlich bis zum Bundeschorwettbewerb gefahren sind, diese schlichten, aber wunderschönen Chorsätze zu plattdeutschen Versen kennengelernt und uns wurde die Besonderheit dieser musikalischen Kleinode schon damals sehr gut vermittelt und nahegebracht. Hinzu kam, dass ich in einem Elternhaus großgeworden bin, in dem das Plattdeutsche lebendig war, nicht für mich im eigenen Sprechen, aber in der Verwandtschaft, im Gespräch meines Vaters und meiner Mutter mit den eigenen Geschwistern. Während der vielen Jahre, die ich als Chorleiterin tätig war, sind mir diese plattdeutschen Chorsätze nur sehr selten wieder begegnet, mit Freude hörte ich sie wieder bei einem Konzert des Landesjugendchores Schleswig-Holstein und sang sie selbst im Madrigalchor Kiel. Und seitdem lasse ich sie in meine eigene Chorarbeit – immer wenn es die Konzertvorbereitung zulässt – einfließen, wobei ich dies durchaus noch intensivieren könnte.
NoA: Ausgangspunkt des Workshops “Platt a cappella” sind ausgewählte plattdeutsche Lieder, die für den Chor gesetzt sind. Was macht dieses Repertoire für dich besonders – und worauf legst du in der Arbeit mit den Teilnehmenden besonderen Wert?
Mehrstimmiger Chorgesang ist und bleibt etwas Besonderes, die einzelne Stimme verschmilzt mit den anderen Stimmen, aus vielen Individuen wird ein klingendes Ganzes, Harmonien und Klänge beginnen zu strahlen, wenn die einzelnen Stimmgruppen gut aufeinander achtgeben, ihre Funktion im Akkord verstehen und gut hinhören, der Atem fließt und nimmt uns mit: Um es zusammenzufassen: Singen macht einfach glücklich. Und wenn dann auch noch die Verbindung von Chorklang und Sprachklang, der immer noch im Herzen viele Menschen gute Gedanken und Erinnerungen wachruft, gelingt, dann ist es nicht nur das Singen, sondern dann ist es auch das Wiederentdecken verschollener Texte und Stimmungen, die uns erfüllen kann. Für mich beinhalten und bewahren viele plattdeutsche Gedichte eine Gestimmtheit, manches Mal auch eine Wehmut, ein Lebensgefühl, das für mich Schleswig-Holstein ausmacht, das ich mit meiner Heimat verbinde.
NoA: Du bewegst dich viel im Bereich der barocken Vokalmusik. Gleichzeitig gehören Vertonungen plattdeutscher Gedichte – etwa von Klaus Groth – zu deinem Repertoire. Was kann plattdeutsches Repertoire aus deiner Sicht musikalisch einbringen, das vielleicht zunächst unterschätzt wird?
Tatsächlich bin ich selbst durchs Singen eines plattdeutschen Liederzyklus‘ nach Texten von Klaus Groth wieder mehr mit dem Plattdeutschen in Verbindung gekommen. Als ich für dieses Konzert angefragt wurde, zögerte ich zunächst, da ich großen Respekt davor hatte, als „Nicht-Plattdeutsche“ Lieder auf Plattdeutsch öffentlich zu singen – und andererseits spürte ich sehr tief in mir meine große Verbundenheit und Liebe zu dieser Sprache, die mir meine Eltern vermittelt haben. Ich sagte zu und durfte damals in wunderbarer Weise viele lehrreiche Stunden genießen – und als ich nach einem Konzert den Satz hörte „Wat en Utspraak!“, freute ich mich sehr darüber. Ich denke, dass das plattdeutsche vier- bis sechsstimmige Repertoire insbesondere die etwas nachdenklicheren plattdeutschen Gedichte lebendig halten kann und eine Seite des Plattdeutschen aufzeigt, die für mich sehr wertvoll ist.
NoA: Die Teilnehmenden müssen kein Plattdeutsch sprechen können, sollten aber Chorerfahrung mitbringen. Was würdest du Interessierten sagen, die mit plattdeutschem Repertoire zunächst vielleicht fremdeln?
Chorsingen ist für mich immer etwas Verbindendes und Glücklichmachendes. Wer schon viel Erfahrung mit mehrstimmigem Chorgesang hat, mag vielleicht vermuten, dass der chorsängerische Anspruch bei plattdeutschem Repertoire nicht so sehr im Vordergrund steht. Dass dies nicht so ist und es wirklich besonders schöne und auch anspruchsvolle plattdeutsche Chorliteratur gibt, gab den Impuls für dieses Wochenende! Aber keine Sorge, wir fangen den Tag immer auch mit einfachen und überschaubaren Sätzen an, wer dann noch komplexere Musik liebt, kommt im Laufe des Tages auf seine Kosten!
NoA: Der Workshop ist als intensives Wochenende angelegt. Was kann in dieser konzentrierten Zeit entstehen, was im normalen Choralltag oft keinen Raum findet?
Tatsächlich ist für mich immer spürbar, dass intensives Proben in jedem Fall eine besonders gute Stimmschulung und Klangentwicklung möglich macht. Der Stimmapparat besteht eben auch nur aus Muskeln, die an einem solchen Wochenende besonders gut trainiert werden können, so dass die Stimmen immer davon profitieren!
NoA: Gibt es unter den ausgewählten Stücken eines, das dir besonders nahe ist – und wenn ja, warum?
Es wird zwei verschiedene Sätze von 'Dat du mien Leevsten büst' geben, beide von Hellmut Wormsbächer, der eine vierstimmig mit Oberstimme, der andere sechsstimmig mit der Melodie, die durch alle Stimmen wandert - das ist ein wunderschönes Lied, allen so bekannt und vertraut, fließend und auch anrührend - darauf freue ich mich besonders!
Vielen Dank!
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