Frau Zille, Sie sind mit großer Begeisterung Urban Sketcherin. Was verbirgt sich eigentlich hinter diesem Begriff? Und wie haben Sie selbst Ihre Leidenschaft dafür entdeckt?
Eigentlich bin ich schon seit meiner Kindheit Zeichnerin. Spätestens seit Beginn meines Architekturstudiums an der TU Berlin hatte ich immer ein Skizzenbuch bei mir – im Alltag ebenso wie auf Reisen. Es begleitet mich wie ein „visuelles Tagebuch“, das ich mit Fahrkarten, Eintrittskarten, Stempeln und anderen Erinnerungsstücken ergänze.
Schon damals habe ich mit Fineliner und Aquarell gearbeitet, ganz so, wie es heute beim Urban Sketching üblich ist.
Die Urban-Sketching-Bewegung wurde 2007 in Seattle vom Grafiker Gabriel Campanario ins Leben gerufen. Inzwischen ist daraus eine weltweite Gemeinschaft geworden, der sich alle Zeichenbegeisterten anschließen können – vom Anfänger bis zum Profi. Man zeichnet vor Ort, was und wie man es selbst sieht. Ein Motto lautet: „We show the world, one drawing at a time.“ Wir zeigen die Welt, Zeichnung für Zeichnung.
Beim Urban Sketching denkt man vielleicht zuerst an jemanden, der auf einem belebten Marktplatz sitzt und das Treiben mit Stift und Papier festhält. Sie möchten mit uns dagegen ins Richard-Haizmann-Museum gehen. Was hat Sie an diesem Ort besonders angesprochen?
Urban Sketching kann überall stattfinden, es gibt keine Beschränkungen.
Da ich eine Vorliebe für Museen habe und große Menschenmengen beim Zeichnen eher meide, bevorzuge ich inzwischen kleine, feine Museen wie das Richard-Haizmann-Museum in Niebüll.
Dort haben mich als Architektin besonders die baulichen Details aus den 1920er- und 1930er-Jahren angesprochen. Sie regen geradezu dazu an, grafisch zu arbeiten.
Im Museum gibt es viel zu entdecken: die besondere Architektur, die Werke von Richard Haizmann und die wechselnden Ausstellungen. Was macht diese Verbindung für Sie zeichnerisch interessant?
Ich stelle fest, dass ich an ein und demselben Ort zu unterschiedlichen Zeiten eine andere Wahrnehmung habe.
Schauen Sie sich einmal einen Kinofilm mehrfach an. Sie werden feststellen, dass Sie vermeintlich neue Szenen entdecken. Dabei hat sich nur Ihr Fokus verändert. So ist es auch beim Zeichnen.
Im Richard-Haizmann-Museum haben wir einerseits das Bleibende – das Gebäude und die Werke Richard Haizmanns – und andererseits das Wechselhafte der Sonderausstellungen. Beides kann uns inspirieren.
Im März steht „Papier und Ton – Material im Dialog“ mit Inken Gertz und Cathy Fleckstein auf dem Programm, im Oktober „immer schön“ von Sador Weinsclucker. Was reizt Sie an diesen beiden Ausstellungen?
An der März-Ausstellung „Papier und Ton – Material im Dialog“ reizt mich besonders, dass ich selbst mit beiden Materialien gearbeitet habe. Während meines Architekturstudiums an der TU Berlin habe ich mich mit Ton und Papier beschäftigt. Papier ist auf unterschiedliche Weise Teil meiner künstlerischen Arbeit geblieben. Mein Interesse führt mich dabei besonders nach Japan.
In dieser Ausstellung wollen wir untersuchen, wie uns die unterschiedlichen Materialien, Formen und Präsentationen inspirieren und welche Unterschiede wir bei der zeichnerischen Umsetzung entdecken.
Im Oktober erwarten uns ganz andere Anregungen in der Ausstellung „immer schön“ von Sador Weinsclucker. Von ihm habe ich Bilder gesehen, die mich an altmeisterliche Ölmalerei erinnerten, vorwiegend Stillleben.
Der Titel scheint mir in diesen unruhigen Zeiten eine Art Ankerpunkt zu bieten. Schönes hebt ja oft die Stimmung. Finden wir in dieser Ausstellung positive Inspirationen? Was trägt dazu bei? Auf diese Fragen wollen wir in unseren eigenen Zeichnungen individuelle Antworten finden.
Kunstwerke selbst zum Ausgangspunkt eigener Zeichnungen zu machen, klingt spannend – aber vielleicht auch ein bisschen einschüchternd. Was würden Sie jemandem sagen, der neugierig ist, sich aber nicht so recht traut?
Wie heißt es doch im Volksmund? „Altern ist nichts für Feiglinge!“ Ich würde das Altern einfach durch das Zeichnen ersetzen.
Wie soll jemand, der gerade anfängt, sofort ein Profi sein? Das funktioniert beim Zeichnen genauso wenig wie beim Lesen, Schreiben, Rechnen oder Skilaufen.
Als Coach sage ich dazu: „Nur das Tun macht’s möglich!“ Geduld gehört natürlich auch dazu.
Wer sich für das Thema interessiert, sollte sich ruhig darauf einlassen. Ich unterstütze alle Teilnehmenden individuell. Dabei geht es vor allem darum, das Sehen und Wahrnehmen zu lernen. Hinzu kommen einige Grundlagenübungen sowie Tipps und Tricks zu Material und Technik.
Hilfreich ist in meinen Workshops auch, dass wir die Arbeiten nicht bewerten – weder negativ noch positiv. Wir lernen voneinander, indem wir Fragen zu Materialien, Techniken und Inspirationen stellen und offen miteinander darüber sprechen.
Der Besuch im Richard-Haizmann-Museum soll im Mittelpunkt der Wochenenden stehen. Wie möchten Sie die Teilnehmenden darauf vorbereiten, und wie könnte ein solcher Workshop ausklingen?
Zur Vorbereitung beschäftigen wir uns mit zeichnerischen Grundlagen wie Bildaufbau, Proportionen und Perspektive, Materialität und Struktur, Schraffuren, Form und Farbe sowie Licht und Schatten.
Zum Abschluss bleibt Zeit, die entstandenen Skizzen zu vervollständigen, beispielsweise durch Kolorieren oder Schattierungen. Alternativ kann ein Lieblingsmotiv weiter ausgearbeitet werden.
Eine kleine gemeinsame Werkschau in der Nordsee-Akademie soll das Zeichenwochenende abrunden.
Vielen Dank für das Gespräch, Frau Zille!
Zwei Zeichenwochenenden für 2027 in Planung
Die Nordsee-Akademie plant gemeinsam mit Octavia Zille und dem Niebüller Kunstverein zwei Urban-Sketching-Wochenenden mit einem Besuch im Richard-Haizmann-Museum in Niebüll:
- 12.–14. März 2027: zur Ausstellung „Papier und Ton – Material im Dialog“ mit Inken Gertz und Cathy Fleckstein
- 22.–24. Oktober 2027: zur Ausstellung „immer schön“ von Sador Weinsclucker
Die beiden Wochenenden befinden sich derzeit in Planung. Sobald die Programme feststehen, veröffentlichen wir weitere Informationen und die Anmeldemöglichkeiten.